Kennen Sie Ihre eigene körperliche, seelische und geistige Grenze wirklich?
von Oliver Unger -
„Staatsgrenzen“, „Grenzsteine, die Grundstücke voneinander abgrenzen“, „Grenzenlosigkeit über den Wolken“ – diese Begriffe sind uns weitestgehend klar. Doch wenn es um unsere eigenen Grenzen geht, wie steht es damit? Wie klar ist diese Definition? Was ist das überhaupt, eine „eigene Grenze“? In unterschiedlichen psychologischen Schulen mag es unterschiedliche Definitionen geben für diesen „Bereich“. Und auch die Vorstellung einer jeden einzelnen Person zu ihrer Grenze mag sehr unterschiedlich sein.
Während der eine sich ganz gewiss ist, dass an der Grenze seiner Haut seine Person zu Ende ist und dann etwas anderes anfängt, mag der andere glauben, das Äußere seiner Aura (falls es so etwas gibt), sei seine Grenze. Wieder ein anderer ist sich sicher, dass wir keine wirklichen Grenzen im Sinne eines „Endes“, einer „Begrenzung“ haben. Im Bereich der Gefühle sind Grenzen ebenso sehr unterschiedlich wahrzunehmen. Während der eine sich „an die Grenzen geführt“ fühlt, wenn er traurig ist, würde jemand anders seine Grenzen vielleicht erst dann spüren, wenn er stark provoziert wird.
Möglicherweise können all diese unterschiedlichen Wahrnehmungen und Bedeutungszuordnungen der Worte „eigene Grenze“ zu einem Nenner zusammen gefasst werden: Die eigene Grenze umrahmt alles, womit wir einverstanden sind. Wann immer eine Erfahrung als überfordernd erlebt wird, als Zwang, als Belastung, geraten wir an unsere „gefühlte Grenze“. Wenn jemand seine Grenze nicht fühlt, wird er sehr wahrscheinlich ein anderes Signal erhalten, das ihm mitteilt, dass die Grenze überschritten ist, wie z.B. einen körperlichen Schmerz.
So sind unsere Grenzen in unterschiedlichen Bereichen also sehr unterschiedlich definiert. Wenn dein Arbeitgeber also weiter und weiter Überstunden fordert, die nicht bezahlt werden und dir droht, dass du deinen Job verlierst, wenn du damit nicht einverstanden bist, stellt dies eine Grenzverletzung dar. Ebenso wie ein Autofahrer im Straßenverkehr, der dir zu dicht auf den Kofferraum aufrückt.
Gemeinsam ist diesen Erfahrungen, dass du auf eine bestimmte Weise nicht einverstanden bist. Du wurdest vielleicht „gezwungen“, fühltest dich „unfrei“, „bedrängt“, was auch immer. Diese Grenzverletzungen haben zur Folge, dass der Körper in eine Stresssituation gerät. Manchmal sind diese Stresssituationen so, dass sie im Nervensystem eine derart hohe Spannung aufbauen, die nur schwer wieder zu normalisieren ist. Sie bleibt im Nervensystem erhalten und wirkt sich auf unterschiedliche Weise dort aus. Darauf gehe ich später genauer ein. Jene Art Grenzverletzung, die über einen längeren Zeitraum, vielleicht systematisch oder besonders intensiv geschieht, können z.B. ein Unfall, ein sexueller Missbrauch, eine lang anhaltende Krankheit oder andere belastende Umstände sein. Man wird immer wieder „an seine Grenzen“ geführt. Man ist nicht einverstanden. Vielleicht wird man sogar dazu gebracht, diese Grenzen gar nicht mehr wahrzunehmen, weil die Belastung derart schlimm ist, dass ein Wahrnehmen des „Nichteinverstanden seins“ gar nicht mehr zu ertragen wäre.
Die Spannung, die sich im Nervensystem durch solche Belastungen aufgebaut hat, wirkt sich langfristig auf unterschiedliche Weise aus. Sie manifestiert sich z.B. zu „schlechten Gewohnheiten“. Manche Menschen können diese Spannung kaum ertragen und suchen im Alkohol- oder Zigarettenkonsum eine Lösung. Kurzfristig mag es sich sogar so anfühlen, als sei die Zufuhr bestimmter Stoffe lindernd und lösend. Doch in Wahrheit geschieht im Körper etwas anderes: Die Spannung bleibt ungelöst, weil nicht an der Ursache gearbeitet worden ist. Sie wird kurzfristig nicht mehr gefühlt. Und das daraus entstehende scheinbare Wohlbefinden erhebt die süße Verführung schnell zu einer „angenehmen“ Gewohnheit.
Manche Menschen, die schwere Grenzverletzungen erlitten haben, neigen auch zu „unorthodoxem“ Verhalten. Sobald sie „strapaziert“ werden, ziehen sie sich vielleicht zurück, statt sich Hilfe von Mitmenschen zu holen. Sie bestätigen sich ihre alte Erfahrung, wie z.B. dass sie „alles allein regeln müssen“. Auch diese andauernde Bestätigung wird zu einem festen Verhaltensmuster. Und es führt eben so wenig zu einer Lösung.
Wieder andere Menschen werden vielleicht schneller aggressiv als andere, weil das ihre einzige Strategie ist, den „kleinen Rest Grenze“ aufrechtzuerhalten. Auch die so genannten „Workaholics“ könnten für sich einmal prüfen, ob nicht eine Grenzverletzung in ihrem Leben stattgefunden hat,die so schmerzhaft war, dass sie sich durch ihre Arbeit davon ablenken lassen. Arbeit kann eine Art „Ersatzgrenze“ bilden. In der Arbeit gibt es meist einen sicheren, definierten Rahmen, einen sicheren Schreibtisch/Schalter, hinter dem man sich verbergen und schützen kann mit vorgegebenen Regeln und Positionen, die einzuhalten sind und daher auch Sicherheit geben.
Die letztendlichen Folgen von Grenzverletzungen sind Krankheiten. Man kann darüber diskutieren, dass die gesamte Bandbreite, beginnend mit kleinen Symptomen wie Rückenschmerzen bis hin zu den großen, schwer heilbaren Krankheiten wie Krebs, Ausdruck einer Grenzverletzung, die bisher nicht repariert wurde, sind.
Wie kann eine Grenzverletzung geheilt werden? Die Methoden sind vielfältig. Hauptsächlich geht es darum, dem Körper beizubringen, dass das grenzverletzende Ereignis vorbei und durchstanden ist. Nach Heilung des körperlichen Empfindens folgt der Kopf meist sehr schnell mit neuen, entsprechenden Gedanken und Verhaltensmustern.
Methoden der Trauma-Lösung, wie z.B. Somatic Experiencing® schaffen hier wieder Raum für Gegenwärtigkeit und Realität. Meist führen diese Methoden dazu, dass der Betroffene sich wieder besser selbst wahrnehmen kann. Er spürt seine Bedürfnisse deutlicher, ebenso wie seinen Körper. Er bekommt ein Gefühl dafür, was ihm gut tut, womit er einverstanden ist und womit nicht. Die entstehende Präsenz bringt den Betroffenen dazu, dass er leichter „nein“ sagen kann. Wo vorher vielleicht eine wahnsinnige Überwindung aufgebracht werden musste, fällt es später nach einer erfolgreichen „Reparatur“ der Grenzen plötzlich viel leichter, abzulehnen, was man nicht möchte und anzunehmen, was man angeboten bekommt. Was zuvor eine Negativspirale war, in der sich die alte, grenzverletzende Erfahrung verstärkt hat, wird zu einer Positivspirale, in der sich die korrektive Erfahrung verstärken kann. Im Klartext bedeutet das, dass der Betroffene bemerkt, dass es für die meisten seiner Mitmenschen gar nicht so schlimm ist, dass er auch mal „nein“ sagt. Zumindest nicht so schlimm, wie er zuvor gedacht hat. Manche Menschen bemerken nach der Re-Etablierung ihrer Grenzen, dass es besser ist, sich von bestimmten „Freunden“ zu verabschieden und dass das manchmal die einzige Lösung ist, die möglich ist. Eine solche Veränderung des sozialen Umfelds bewirkt manchmal Wunder. Kräfte, die zuvor verbraucht wurden, um andere „glücklich zu machen“ oder „zu genügen“ dürfen zurückkehren und stehen für die Gestaltung einer lebendigen Gegenwart und Zukunft zur Verfügung.
Die Tief-berührt-Arbeit® entlädt sowohl durch psychologische Interventionen die Spannung aus dem Nervensystem als auch durch die regenerierenden Bewegungen, die vom Körper intuitiv durchgeführt werden. Hierbei spielt die Betätigung der großen Gelenke und der kleinen Hand und Fußmuskeln eine große Rolle. Hier sitzen die so genannten „Propriozeptoren“. Dies sind Nervenzellen, die für die Selbstwahrnehmung im Raum zuständig sind. Durch Betätigung dieser Wahrnehmungsorgane wird die unbewusste Etablierung neuer Grenzen gefördert.
Die Achtsamen Berührungen aus dem Tief berührt ® - System an den großen Gelenken, den Ellenbogen, Kniegelenken und den Hüftgelenken unterstützen hier zusätzlich. In einem Präsenten Zustand durchgeführt, verknüpfen sich im Gehirn die Wahrnehmung der Haut als äußere Grenze des Körpers mit der Wahrnehmung im Raum. Der Klient fühlt sich sicher und geborgen. Ebenso die Berührung der lateralen (seitlichen) Körperregionen, wie z.B. der Schultern, Arme, Flanken und Hüften, seitlichen Oberschenkel, sowie der Fußaußenkanten bilden in der Berührungsarbeit ein zentrales Element, die gefühlte Begrenzung im Bewusstsein des Klienten zu stärken. Während der Behandlung werden Entladungen sichtbar, wie Gähnen, Husten, unwillkürliches Schütteln, die darauf hindeuten, dass der Betroffene Spannung aus seinem Nervensystem entlädt.
Der Betroffene beginnt sich zu verändern. Die „ewig kämpfende“ oder „allzeit bereite“ Marionette bekommt Konturen und Reibungspunkte. Aufkeimende Widerstände während der Behandlung können meist als Gesundung der Grenzen angesehen werden. Zerstörte oder fehlende Grenzen haben oft zur Folge, dass dem Organismus kaum andere Möglichkeiten bleiben, als Rückzug, Aufgeben, Hinausschieben und ähnliches. Analog zur Tierwelt würde man sagen: Dies ist der Totstell-Reflex, der sich einstellt, wenn die Bedrohung so groß ist, dass weder Fliehen noch Kämpfen sinnvolle Lösungen herbeiführen würden. Im Gegensatz dazu ist aufkommender Widerstand in der Behandlung ein Zeichen, dass der Organismus wieder beginnt zu kämpfen (oder zu fliehen, falls nötig). In diesem Fall empfiehlt es sich, diesen Widerständen Raum zu geben, sie einzuladen und den Betroffenen nicht zu zwingen, den Widerstand zu umgehen. Schließlich soll die Fähigkeit, sich gegen die „Bedrohung“ zu wehren, erhalten und gestärkt werden.
Herzlichst Oliver Unger