Weißt du, warum du dich selbst ablehnst?
Weißt du, warum du dich selbst ablehnst?
Ein spiritueller Reisebericht über ehrenamtliche Arbeit mit Straßenkindern in Nicaragua
von Oliver Unger
19. Woche
Tagebucheintrag 9. Juli
Er setzte sich zu mir und sagte mir noch einmal, dass er sterben wolle. Ich ermahnte ihn: „Das wäre für mich okay, wenn du es wirklich willst. Aber mach keine Witze, denn ich nehme ernst, was du sagst.”
Er bestätigte mir, dass er es ernst meine.
Edgards Mutter hat ihn schon als kleines Kind abgelehnt. Sie hat ihn geschlagen und auch mehrfach mit dem Messer angegriffen und verletzt. Sein Nervensystem steht unter Hochspannung. Oder sollte ich sagen „stand” unter Hochspannung?
Er schielt meistens sehr stark, aber manchmal guckt er perfekt geradeaus. Vor allem, wenn ich mich mit ihm „balze”. Dann schlagen wir jeweils die linke und rechte Faust im Wechsel gegeneinander. Das ist eine tolle Übung, um seine (und meine) Hirnhälften auszugleichen. Es ist fast wie ein Wunder, wenn sich seine Augen gerade ausrichten. Immer nur für einen Augenblick (schöner Ausdruck an dieser Stelle), aber immerhin.
Als er neben mir saß, spürte ich: JETZT ist der Zeitpunkt gekommen, ein wenig mit ihm zu „arbeiten”. Ich fragte ihn: „Weißt du, warum du dich selbst ablehnst?”
Er schüttelte den Kopf.
„Wenn die Mutter ihr Kind ablehnt, so wie deine Mutter dich, dann lehnt das Kind sich selbst auch ab, so wie du.”
Er schaute mich mit großen Augen an - klarer Blick. Dann senkte er den Kopf. Ich bemerkte einen immensen Energieschub, der uns beide durchfloss. Das war wie eine Explosion! Ich fuhr fort: „Wenn der Gedanke kommt, dass du dich umbringen willst, dann sage innerlich zu deiner Mutter: ‚Sieh her, so wie du mich ablehnst, lehne ich mich auch ab, weil ich dich liebe’.”
Noch eine Explosion.
„Wie geht es dir?”, fragte ich ihn.
„Schlecht”, antwortete er. Aber sein Blick war für einen Moment ganz klar und gerade.
Er blieb bei mir sitzen und ich blieb mit ihm. Wir quatschten noch ein bisschen dummes Zeug daher, und ich spürte, wie sich sein System nach und nach beruhigte.
Irgendwann musste ich ihn fragen: „Was glaubst du, warum wir Profesores eigentlich diesen Job hier machen?”
Er zuckte mit den Schultern.
„Wegen dem Geld?”
Er schüttelte den Kopf.
„Weil uns langweilig ist und wir keine bessere Arbeit gefunden haben?”
Er lachte.
„Ich verdiene hier gar nichts”, sagte ich. „Und die Rosi auch fast nichts. Du verdienst an einem Tag manchmal mehr als sie in einem Monat.”
Er schaute mich verdutzt an.
„Also, Edgard, sag es mir - warum machen wir das?”
Er zuckte mit den Schultern.
Ich sah ihn an. Mir kamen die Tränen. Ich konnte es nicht verhindern. Ich wäre lieber weniger dramatisch gewesen und kam mir fast vor wie meine Mutter. Aber es war absolut authentisch. Mein Herz öffnete sich weit, und das war gut, denn so floss es in der richtigen Frequenz aus mir heraus: „Wir sind hier, weil wir euch lieben. Euch alle, dich und Francisco und Jonathán und Karla. Alle. Nur aus Liebe. Sonst nichts.”
Er schaute mich an.
„Glaubst du mir? Oder hältst du das für Blödsinn?”
Er schluckte und nickte. „Ich glaube dir.”
„Und es ist an euch, diese Liebe anzunehmen. Das ist sehr schwierig. Du bist ja auch manchmal rebellisch. Es ist vielleicht nicht so einfach, diese Liebe anzunehmen. Es ist auch für mich manchmal schwer. Aber das ist euer Job. Wir sind für euch da und geben. Und ihr nehmt.”
Weitere Erfahrungen zu meinem spirituellen Reisbericht gebe ich Ihnen gerne in der nächsten Woche. Ich freue mich über jede Rückmeldung und jede Frage.
Herzlichst Ihr Oliver Unger
Unterstütze das Buchprojekt „Rohdiamanten“ mit einer Spende (für Lektorat etc.). Der Erlös aus dem Verkauf des fertigen Buches schafft eine regelmäßige Spendengrundlage für die Straßenkinder in der Stadt Granada, Nicaragua. Mehr Information findest Du auf http://tiefberuehrt.de/page/hilfe-fuer-nicaragua
Es danken Dir im Voraus Oliver Unger, Projekt-Förderer Bernd V., Lektorin Michélle P., Jonathán, Karla, Ana María, Francisco und Freunde aus Granada, Nicaragua
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eine mutige Sache
Lieber Herr Unger, ich habe ihren Reisebericht mit großem Interesse und großer innerer Teilnahme gelesen und verfolgt. Ich möchte Ihnen meine Hochachtung aussprechen für diese Arbeit in Nicaragua. Es gehört viel Mut, Überzeugung und innere Stärke dazu, sich auf ein solches Abenteuer einzulassen, um anderen zu helfen. Reden kann man viel, aber tun ... Einfach toll auch, dass Sie uns Leser so ungefiltert daran teilhaben lassen. Dankeschön