Psychologie: Neuroaffektive Regulation - Teil 2

Oliver Unger - Autor bei ViGeno

Neuroaffektive Regulation und Meditation –
wie beeinflussen sie sich gegenseitig und wie können sie sich unterstützen

Wie Selbstregulation zur Meditation führt

Als Antwort auf die Frage, wieso wir nach der Arbeit oder einem hektischen Alltag lieber den Tag vor dem Fernseher beenden statt in Meditation zu gehen, kommt das Wort „Selbstregulation“ ins Spiel. Im Fachjargon heißt sie auch gelegentlich „neuroaffektive Regulation“. Der Begriff deutet auf das Zusammenspiel von Gefühlen und dem Spannungspegel des Nervensystems bzw. im Körper.

Die Forschungen, die auf diesem Gebiet durchgeführt worden sind, sind nicht ganz neu, dennoch wird der Begriff in der Schulmedizin nur einer „Grauzone“ zugeordnet. Neurologen sind bestimmte Phänomene der Selbstregulation nur als „esoterisches“ Wissen bekannt.

Allgemeinmediziner scheinen dieses Thema gut aus ihrer Praxis verdrängt zu haben und selbst unter Psychologen sind die selbstregulierenden Mechanismen des Körpers nur „Studien“ oder „Erfahrungswerte“, die sich vage um den Katalog der psychologischen Krankheiten mit dem verheißungsvollen Namen „ICD10“ und deren Behandlungsweise herumbewegen.

Ob etwas als Selbstregulation verstanden wird oder nicht, ist vielleicht auch keine Frage der wissenschaftlichen Beweisführung mehr, sondern des Blickwinkels. Stell dir nur mal vor, dass Rauchen eine Art der Selbstregulation sei? Was würde das in deinem Bewusstsein verändern? Und wie wäre es mit Fernsehen, Fleischessen? Sport? Workaholismus (Arbeitssucht)?

Ein kurzer Ausflug in die Anatomie: Unser Nervensystem besteht aus zwei Haupt-Leitungen, die zusammen agieren: Sympathicus und Parasympathicus. Grob gesagt ist der Sympathicus das Gaspedal unseres Handelns und der Parasympathicus die Bremse.

So wie du also dein Auto fährst, so „fährst“ du auch deinen Körper, dein Bewusstsein durch die Weltgeschichte. Das klingt genau so platt, wie es ist.  In diesem Auto gibt es auch eine Gangschaltung. Diese Gangschaltung bestimmt, wie schnell du fahren kannst, welche Umdrehungen dein Motor durchführen kann und wie präzise du dich damit auf Steigungen einlassen kannst. Dieses Bild auf den Körper übertragen bedeutet: Deine Gangschaltung ist, wie Sympathicus und Parasympathicus miteinander kommunizieren. Die Reibungslosigkeit dieses Zusammenspiels bestimmt, wie viel Herausforderung du in einem präsenten, gelassenen und gedankenklaren Zustand meistern kannst.

Dieses Zusammenspiel ist gestört, wenn der Sympathicus sich den ganzen Tag in einem Zustand der Übererregung befindet. Durch einen solchen Zustand wird der Parasympathicus angehalten, auch tagsüber sehr häufig die Bremse zu ziehen und gelangt hierdurch auch in Übererregung, welche sich auf seine normale Funktion negativ auswirkt.

Man könnte nun darüber spekulieren, welche Symptome sich aus einem dauerhaft gestörten Zusammenspiel von Sympathicus und Parasympathicus ergeben. Einige habe ich hier bereits genannt. Dazu kommen Gefühle der Überlastung, Aggression, chronisches Müdigkeitssyndrom, Migräne und viele mehr.

Mit Meditation kann in diesen Fällen nicht begonnen werden. Dafür ist zu viel von unserem Gaspedal aktiv. Wenn sich jemand in diesem Zustand zur Meditation zwingt, wird er sehr schnell einschlafen, denn auch die Bremse ist zu aktiv.

Noch spezieller und heimtückischer sind die Symptome jener Menschen, deren Bremse fast den ganzen Tag gegen zu viel Stress „gegenreguliert“. Diese Charaktere fühlen sich nämlich bisweilen besonders entspannt. Diese Entspannung ist jedoch eine Fatamorgana in einer Wüste von Dissoziation. Dies bedeutet, dass der oder die Betreffende sich nämlich überhaupt gar nicht mehr selbst wahrnehmen kann (außer vielleicht seine Rückenschmerzen, welche ein typisches Symptom sind, solange der Zug noch nicht ganz abgefahren ist) und quasi nur noch aus seinem Kopf heraus lebt. Jede Entspannungstechnik würde dieses Phänomen verschärfen oder ihn stark herausfordern, so dass jegliche Form der Meditation nur unter „ferner liefen ...“ zu finden ist.

Lösung würde in beiden Fällen durch Re-Etablierung der neuronalen Selbstregulation erfolgen.
Ist dein Körper gut „selbstreguliert“, hast du viele Gänge zur Verfügung und weißt sie auch einzusetzen. Dann kannst du bestimmt auch gut meditieren. Gas und Bremse sind ausgewogen, kommunizieren gut miteinander. Die Tiefe deiner Meditation ist gleich die Qualität der Kommunikation zwischen Sympathicus und Parasympathicus.

Doch die Gangschaltung des Körpers ist bei den meisten Menschen sehr beeinträchtigt. Frühkindliche Entwicklung und Traumata bestimmen darüber, wie die neuroaffektive Regulation sich ausbildet und funktioniert. Oberflächlich ausgedrückt könnte man sagen, dass wir die Selbstregulationsmechanismen der Eltern zunächst imitieren, mit allen Fähigkeiten und Einschränkungen.

Eine der Auswirkungen dieser Nachahmung ist zum Beispiel, dass manche Menschen nach einem emotionalen Ereignis erst mal eine Zigarette rauchen. Ein anderes Beispiel ist, dass nach ebensolchen Ereignissen manche Menschen sehr müde werden und sich erst einmal zurückziehen. Wieder andere zittern eine Weile oder beginnen, die Situation zu analysieren.

Diese Selbstregulationsmechanismen sind deren „privatisierte“, verzweifelte Vorstufe zur Meditation. Wenn man sie zwingen würde, sich die Zigarette nicht anzuzünden, nicht müde zu werden oder nicht zu zittern, nicht zu analysieren, wären sie mit der „Ladung“, die in ihrem Nervensystem während der „Herausforderung des Lebens“ abgeschossen wurde und immer noch durch die Bahnen schießt, überfordert. Sie bekämen vielleicht sogar Angst vor sich selbst, dem Leben etc. Doch für einen Moment lang, diese Art der Selbstregulation zuzulassen, um emotionale Spannung abzubauen, hilft ihnen, sich wieder „auf den Teppich zu bringen“.

Scheinbar braucht es also die Zigarette, die Curry-Wurst usw. Die Emotion wird hierdurch weniger stark gefühlt, ebenso wie der Kontakt zu den körperlichen Sensationen. Es wird sozusagen zunächst dosiert. Theoretisch wäre man danach bereit für Meditation. Denn das, was dann an gefühlter „Ladung“ übrig bleibt, kann meist toleriert werden, selbst wenn man sich still hinsetzt und es beobachtet.

Fortsetzung erfolgt nächste Woche.

Teil 1 | Teil 2


verschiedene Wege der Entspannung

Hallo Herr Unger, ich habe ihren Artikel mit großem Interesse gelesen und muß sagen, es beruhigt mich, bei einem "Mann vom Fach" Smile eine solche Einstellung anzutreffen. Viele sind da wesentlich radikaler.

Ich selbst praktiziere seit vielen Jahren Thaiji, möchte das als meine Art der Selbstregulation bezeichnen. In unregelmäßigen Abständen meditiere ich auch, aber das tue ich noch nicht sehr lange und da scheine ich meinen Rythmus noch nicht gefunden zu haben.
Ich habe mich bisher immer ein wenig geschämt, wenn ich abends von der Arbeit nach Hause komme, der Tag besonders schwer war, und ich einfach nur noch in den Sessel gefallen bin (und nicht mehr hochkam).
In meinem Kopf sagt dann eine Stimme: komm raff dich auf, wenigstens meditiren kannst du noch, das ist gut für dich.
Aber ich schaffe es nicht, mache manchmal wirklich nur noch den fernseher an und bin dann erstaunlich entspannt... schlafe oft einfach ein.

Sie haben mir das gefühl gegeben, dass das so auch sein darf, ohne dass ich mich gleich als spiritueller Banause oute. Ich danke ihnen.

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