Psychologie: Die Abracadabra-Gesellschaft - Teil 3

Oliver Unger - Autor bei ViGeno

Wie vermeide ich am besten meinen Schmerz?

Das Gesetz der Leidbefreiung.

Was geschieht mit vielen Menschen durch die moderne Art und Weise, mit Leid umzugehen? Die Ergebnisse der Ignoranz, des Augenverschließens sind allgemein sichtbar und spürbar: Krankheiten, Naturkatastrophen, Frustration, Burn Out, übermäßige Macht- und Ohnmachtspositionen. Die Liste könnte meterlang verlängert werden.

Die Bibel verrät auf eine verschlüsselte Weise den Ausweg aus dem Leid. Doch Leid ist so unmodern geworden, dass wir fast gar nicht mehr bemerken, dass wir es noch haben. Und die Bibel? Was war das nochmal? Wir gehen lieber zu einem Heiler oder einem Arzt, vertrauen einer anderen Person mehr, als uns selbst. Lieber lassen wir uns vorlügen, dass man aus dem Dilemma von allein nicht heraus kommt, als nur eine Sekunde uns selbst, unserer inneren Stimme zu vertrauen.

Jedes Kind weiß, dass man ein Auto nur in Bewegung bringen kann, wenn es einen Treibstoff und eine Art Gangschaltung hat. Das ist das Gesetz des Autofahrens. Daran gibt es nichts zu rütteln. Kein Arzt und kein Heiler der Welt können daran was ändern. Das Gesetz der Leidbefreiung funktioniert ähnlich. Auch hier dran können wir nichts ändern. Dein Treibstoff, deine Energiereserve ist der Kontakt mit dir selbst.

Spürst du deinen Körper? Spürst du deine Grenzen? Spürst du deine Emotionen? Und kannst du mit ihnen sein, ohne sie anders haben zu wollen? Wenn dies nicht gegeben ist, brauchst du gar nicht erst versuchen loszufahren. Der Körper selbst und auf welche Weise du ihn spüren kannst sind die größte Ressource, auf die wir zurück greifen können. Es ist unmöglich, sich stabil und glücklich zu fühlen, ohne diese Quelle.

Für viele Menschen ist das Körperempfinden, die Präsenz nicht voll zugänglich. Das liegt meist an der persönlichen Geschichte, in der es zu individuellem Leid gekommen ist. Es gab bei jedem von uns Zeiten und Bereiche, in denen es zu Unterversorgungen, zu Missverständnissen, emotionalen Verletzungen und Trauma gekommen ist. Diese (deine!)  Geschichte will angeschaut und integriert werden. Sie will Teil von unserem Erleben werden. Sie ruft nach Anerkennung. Sie will sich in nützlicher Form in dein Leben einbringen dürfen.

Dazu muss sie durch neue Erfahrungen und Körperempfinden transformiert werden. Genau dazu brauchst du deine „Gangschaltung“. Sie ist deine Fähigkeit, Dinge, die dir widerfahren, auf dich zu beziehen und als Spiegel deiner Selbst anzuerkennen. Klingt zu psychotisch? Ganz im Gegenteil. Die Lösung ist, dass du aus der Vogelperspektive zuschaust, wie der Film deines Lebens läuft. Und währenddessen stellst du fest, dass du „mitfühlen kannst“. Mitfühlen mit dir selbst. So erkennst du deine Mitmenschen und deine Umgebung als Produkt deiner Geschichte bzw. als Resultat deiner inneren Haltung an. Dadurch werden sie zum Lehrer.

Nimm, was du an Information und Bereicherung geliefert bekommst. Doch nimm es ohne zu werten oder zu urteilen. Dies soll keine ewige Suche nach „DER URSACHE“ sein. So etwas würde nur ein philosophischer Sucher machen. Ein pragmatischer Sucher nimmt das Leben eher als eine Pralinenschachtel (Zitat aus „Forrest Gump“). Wenn du sie öffnest, findest du viele Leckereien, die du ausprobieren kannst. Dieser Prozess beginnt langsam, wie im „ersten Gang“ und steigert sich, ganz so wie beim Autofahren auch. Nur statt schneller zu werden wirst du wacher und lebendiger. Du gibst etwas von deinem Treibstoff hinein (Körperempfinden), damit das Gefährt sich bewegt und befährst schon bald die ersten Meter.

Langsam brauchst du den nächsten Gang. Analog dazu wären das weitere Personen und Ereignisse, die synchron zu deinem inneren Erleben und deinem spirituellen Prozess in deinem Leben auftauchen. Sie alle haben eine Botschaft für dich, die du gar nicht unbedingt in Worte fassen musst. Sie lösen etwas aus, zeigen dir Wege, leben dir etwas vor.

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Leid ist omnipräsent

Lieber Herr Unger, ich lese ihre Beitrage immer wieder gern und auch dieser ist wieder eine wahre Bereicherung und regt zum Nachdenken an.

Allerdings möchte ich etwas anmerken, dass mir beim Lesen durch den Kopf ging. Sie sagen: Leid ist unmodern. Aber ist es nicht vielmehr so, dass wir durch die Medien so permanent mit Bildern des Leids überschwemmt werden, dass sie fast nicht mehr in der Lage sind, etwas dabei zu fühlen. Wir stumpfen ab.

Es braucht meiner Meinung nach eine Sensibilisierung, auch und gerade um sich selbst wieder mehr zu spüren.

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