Gesundheit: Krankheit im Familiensystem

Oliver Unger - Autor bei ViGeno

Krankheit im Familiensystem

„Kann es einen absolut gesunden Organismus geben, der jeden Stress, jede Belastung gut verkraften kann, ohne dass die Person davon beeinträchtigt wird?“

von Oliver Unger

Das Auftreten einer Krankheit zeigt an, dass ein System geheilt ist. Etwas in diesem System war nur als „Nebel“ vorhanden, kaum mit Worten erklärbar. Es war unbewusst, aber wirkte dort auf störende Weise. So hat sich das System zuvor in einer Art Ungleichgewicht befunden. Fähigkeiten fehlten, Erinnerungen fehlten, bestimmtes Verhalten, das zur Erhaltung der Gesundheit beigetragen hätte, war nicht möglich, wie z.B. das „Nein sagen.“ 

Eine Krankheit bewirkt, dass dieses Unbewusste eine Form bekommt. Es wird anfassbar, formulierbar. Man könnte sagen, es bekommt einen „Platz“ in uns. Hieraus schließe ich, dass es die Krankheit ist, die das Unbewusste, Neblige klärt und damit die Heilung darstellt.

Ungleichgewichtige Familiensysteme die heilen, zeigen diese Annahme sehr deutlich. An Familien und ihren Dramen sieht man, dass das Auftreten einer Krankheit das Ende des Ungleichgewichts bedeutet. Mit dem Erscheinen des Symptoms kommt es sofort in die Waage.

Hier ein Beispiel: Annabells Großvater kam im Krieg um. Das belastete Annabells Großmutter schwer. Die Nachricht vom Tod ihres Mannes traumatisierte sie, versetzte sie in Schock. Damals war sie mit ihren Kindern, also Annabells Mutter, allein. Annabells Mutter wuchs also mit einer schockierten, traumatisierten, überforderten Mutter (also Annabells Großmutter) auf.

Dies hinterließ seine Spuren: Annabells Mutter erlitt emotionale Entbehrungen. Diese veranlassten sie dazu, mit wenig zufrieden zu sein. Annabells Mutter verinnerlichte, dass es gut sei, auf ihre Bedürfnisse zu verzichten und es nötig sei, viel zu arbeiten, um überleben zu können. Dieses hatte nun wiederum Einfluss auf Annabells frühes Weltbild. Annabell fühlte sich daraufhin von ihrer Mutter ebenso emotional unterversorgt, da diese ihr Leben nur der Leistung widmete. Sie stand Annabell scheinbar nur unzureichend als Mutter zur Verfügung.

Für Annabell sind es also nicht die Kriegsereignisse, die ihr das Leben erschwerten, sondern die Folgen davon: die Entbehrungen der Mutter. Um die Aufmerksamkeit der Mutter aber so gut wie möglich bei sich zu behalten, entwickelte Annabell schon in frühester Kindheit Symptome. Diese zwangen die Mutter, sich mit ihrer Tochter auseinanderzusetzen, was sie wiederum überforderte.

In diesem Fall könnte man behaupten, Annabell würde nur um die Aufmerksamkeit der Mutter buhlen. Zu diesem Zweck würden ihr die Symptome sicherlich als Instrument dienen. Doch in Wahrheit gibt es eine Art Loch in Annabells Gefühlsleben. Diese wollte gefüllt werden. Wenn dieses Loch nicht gefüllt würde, würde es Annabell viel schlechter gehen als es ihr mit ihren Symptomen geht.

Die Krankheit macht für Annabell etwas rund, was sonst kantig wäre. Durch die Symptome ist das System vollständig. Es bleibt sogar die Erinnerung an den gefallenen Großvater lebendig.

Dies ist ein alltägliches Beispiel für eine solche „heilende Bewegung“, die wir alle auf die eine oder andere Art und Weise vollziehen. Wir entwickeln ein Symptom als Ausdruck eines Lochs, das gefüllt werden möchte. Und sobald das Symptom da ist, ist das Gruppensystem wieder komplett.

Ein weiteres anschauliches Beispiel lieferte einmal ein Mann, der immer wiederkehrende, unerklärbare Schmerzen im Ohr hatte. Kein Arzt konnte diese wirklich beseitigen. In der Arbeit stellte sich heraus, dass der Großvater des Mannes während des Krieges beobachtet hatte, wie seine Geliebte in lautem Getöse von einer Bombe zerfetzt wurde.

Durch das Symptom bekommt dieses Ereignis einen „Platz“ in der Familienerinnerung. Die Geliebte wird nicht vergessen, ebenso wenig wie der Schmerz des Großvaters immer allgegenwärtig sein wird. Man könnte sagen, das Schicksal der beiden Verliebten wird durch dieses Symptom geachtet und geehrt.

Es mag absurd klingen, doch das macht Leben auf der Erde aus: Was der eine nicht vermag zu regulieren, weil er ungeschickt, traumatisiert oder zu schwach ist, übernimmt ein anderer, der eine Möglichkeit „sieht“. Diese Dynamik läuft natürlich auf einer unbewussten Ebene ab. Die Arbeit des Familienstellens kann diese unbewusste Dynamik zum Beispiel offenbaren und ein tieferes Verständnis für die Selbstregulation bringen, die innerhalb einer Gruppe stattfindet.

Soviel zur Einführung in die Gedankengänge, auf die sich meine Erkenntnisse stützen.
Teil 8 „Der ideale Organismus – die Primärregulation“ folgt in der kommenden Woche.

Herzlichst Oliver Unger

 


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