Das Leben ist ein Drahtseilakt
Das Leben ist ein Drahtseilakt.
Ein spiritueller Reisebericht über ehrenamtliche Arbeit mit Straßenkindern in Nicaragua.
von Oliver Unger -
17. Woche
Tagebucheintrag 8. Juli - Man passt sich an
Spannend finde ich, wie ich mich nach und nach den Gepflogenheiten des Zentrums anpasse. Ich spreche jetzt schon die Gebete mit. Eins kann ich sogar ganz gut (es ist ein sehr kurzes, deswegen einfach). Außerdem reagiere ich bereits ein bisschen wie die anderen Betreuer.
Ich mache das Spielchen einfach mit. Es schadet ja nicht. Ich kann mich selbst dabei beobachten und lernen. Ich stelle fest, dass Grenzenziehen manchmal auch eine Frage von gekonnter Strategie ist. Ich hätte das lieber anders, aber so ist es nun mal in unserem Fall. Will man, dass jemand putzt, und er hat keine Lust (so wie heute Edgard), dann muss man eben sagen: „Du weißt ja, wenn du den Anweisungen nicht Folge leistest, dann darfst du vielleicht nicht mehr kommen. Du musst dir gut überlegen, was du dann den ganzen Tag machen willst.”
Ich habe mich vor mir selbst erschrocken. Aber man kommt sonst zu nichts. Die Kids sind raffiniert und wissen sehr wohl, wie sie es anstellen können, ihren Vorteil aus einer Situation zu ziehen. Außerdem sind die Regeln des Zentrums nun mal da und gelten für alle.
Ich will so nicht leben und werde das im Ridaya, unserem Zentrum, bestimmt nicht weiterführen. Aber man muss es mal gemacht haben.
William ist noch bis zum 16. im Urlaub und ich fühle mich fast ein bisschen an seine Position versetzt. Das ist natürlich nur in mir. Keiner hat das offiziell festgelegt oder angedacht. Aber ich merke, dass ich schon wie er durch den Garten laufe, hier und da Anweisungen gebe, mit anpacke – einfach, um mit den Chavalos zusammen zu sein.
Natürlich habe ich (noch) nicht die gleiche Autorität wie er. Muss ich ja auch nicht haben.
„Das Leben ist ein Drahtseilakt”
„Deine Arbeit kommt mir manchmal vor wie ein Drahtseilakt”, schrieb mir heute eine andere Freundin und Leserin per E-Mail. Und ich habe geantwortet, dass ich das Leben als Ganzes zurzeit als Drahtseilakt empfinde. Und je weiter man seinen Weg geht, desto dünner wird das Seil und desto höher hängt es. Das ist aber keine Strafe. Es ist vielmehr folgendermaßen: Das beste Pferd im Stall muss die meiste Arbeit machen.
Leider bekommt der beste Seiltänzer keinen Applaus.
Seine Lorbeeren trägt er innen. Er kann sie vielleicht nicht sehen, aber sie sind seine „heimliche” Balanciermaschine.
Die Trauma-Runde
Meine Idee heute war: Einer wirft dem anderen irgendein Schimpfwort an den Kopf, z. B. „Du Blödmann!”. So läuft es sowieso den ganzen Tag. Man hört eigentlich nur, wie die Jungs einander beschimpfen. „Affe”, „Verrückter”, „A...loch”, „Schwuler”, „Schwein”. Das sind die Klassiker. Und so weiter und so fort.
Der andere entgegnet ihm: „Ich mag dich auch.”
Das war der Plan. Fila und ich erklärten die Übung. Alle waren ganz still. Dann fragte Fila: „Gefällt es euch, Schimpfworte zu sagen?”
Die Antwort kam einstimmig, kräftig, klar. Alle waren sich einig. Sie waren eine homogene, saftige Gruppe: „NEIN!”
Das war der Plan. Nur war er schneller verwirklicht, als ich dachte, nämlich ohne dass wir die Übung überhaupt durchgeführt hatten.
„Okay, fertig für heute”, sagte ich also. Alle starrten mich ungläubig an. „Hä?” José Abraham, der Bruder von Francisco, tippte mich an und fragte mich: „Was? Fertig? Du hast ja nichts gemacht!” „Fertig”, wiederholte ich. Wahre Heilung geschieht unerwartet, schnell und unspektakulär.
Daran konnte ich sehen: Wenn man sich selbst für einen Moment das Verbotene erlaubt, wird es total uninteressant.
Weitere Erfahrungen zu meinem spirituellen Reisbericht gebe ich Ihnen gerne in der nächsten Woche. Ich freue mich über jede Rückmeldung und jede Frage.
Herzlichst Ihr Oliver Unger
Unterstütze das Buchprojekt „Rohdiamanten“ mit einer Spende (für Lektorat etc.). Der Erlös aus dem Verkauf des fertigen Buches schafft eine regelmäßige Spendengrundlage für die Straßenkinder in der Stadt Granada, Nicaragua. Mehr Information findest Du auf http://tiefberuehrt.de/page/hilfe-fuer-nicaragua
Es danken Dir im Voraus Oliver Unger, Projekt-Förderer Bernd V., Lektorin Michélle P., Jonathán, Karla, Ana María, Francisco und Freunde aus Granada, Nicaragua
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immer auf der hut
Lieber Herr Unger, nach all dem, was ich nun schon lesen durfte aus Ihrem spirituellen Tagebuch, habe auch ich den Eindruck, dass dieses Leben ein Drahtseilakt, ein permanentes Abwägen ist. Aufgrund der schwierigen Bedingungen, der tiefsitzenden Verletzungen bei diesen Kindern, ist man doch ständig gefordert, muß immer überlegen was man tut und wie man etwas sagt, damit man nicht der Stein des Anstoßes für irgendeine ungewollte Reaktion ist. Ich stelle mir das sehr anstrengend vor und dennoch scheinen Sie einen Weg gefunden zu haben, relativ locker mit der Situation umzugehen. Meine Hochachtung für diese Arbeit und vielen Dank, dass ich hier so viele Einblicke erhalte.